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Welch ein Ohrenschmaus…

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18
Aug

Rezension: Cornelia Becker – MagentaRot

MagentaRot von Cornelia Becker ist eine Kollektion von fünf Kurzgeschichten, die sich zwischen Melancholie, Phantasie und den Abgründen der menschlichen Seele bewegen. Gelesen wird dieses Hörbuch von Wolfram Koch. Man höre und staune. Nicht nur, weil dieses Hörbuch ausnahmsweise mal nicht von Rufus Beck gelesen wird, nein auch weil Wolfram Koch es schafft, die Geschichten angenehm nüchtern zu lesen, ohne dabei Distanz zu den jeweiligen Erzählungen aufzubauen. Dem Aufmerksamem Hörer wird zudem auch Andreas Fröhlich (bekannt durch die drei ???) aufgefallen sein, der die einleitenden und abschließenden Worte im Hörbuch spricht.

In der ersten Geschichte, die dem Hörbuch ihren Namen verleiht, lässt uns Cornelia Becker an einer Familienfeier teilhaben. Es ist sonnig, die gesamte Familie sitzt beisammen und man spricht über die „guten Zeiten“. Auch wenn das Szenario idyllisch und einträchtig wirkt, so fängt es unter der Oberfläche doch gewaltig zu brodeln an, als der älteste Sohn der Familie im Geschehen auftaucht. Es scheint so, als fühlten sich die Familienmitglieder in ihre Zusammenkunft gestört, ja sogar bedroht. Farben spielen in dieser Geschichte eine große Rolle, da sie Stimmungen und Gefühle symbolisieren. So ist es nicht verwunderlich, dass der ungeliebte Sohn einen magentaroten Anzug trägt. Rot ist eine widerspruchsgeladene Farbe, mit ihr verbindet man Aggression, Hass, Krieg, Blutvergießen oder den Teufel, aber auch Kraft, Liebe, Wärme und Leidenschaft. Im Falle des ungeliebten Sohnes bedeutet die Farbe“rot“ für die restlichen Familienmitglieder aber vor allem eines: Gefahr. Sämtliche Therapieversuche blieben vergebens, der Problemsohn ist immer noch eine tickende Zeitbombe, die jeder Zeit zu explodieren droht. Das Geschehen erreicht seinen Höhepunkt, als der Sohn dem Wunsch seiner Tochter nachkommt und sie beim Schaukeln immer und immer energischer anstößt. Wird er seinem eigen Fleisch und Blut Schaden zufügen?

In der Geschichte „Bis der Vorhang fällt“ lernt man einen Schauspieler kennen, dessen Spezialität es ist, auf den großen Bühnen dieser Welt zu sterben. Er hat es weit gebracht in seinem Beruf, indem er den Menschen eine Illusion darbot. Er hat gespielt. Gespielt mit dem letzten Todeskampf, dem Welken und dem Vergehen auf dieser Welt, ohne jedoch selbst jemals in Lebensgefahr geschwebt zu haben. Dies soll sich allerdings ändern, als ihm eine namenlose Dame begegnet, die den Tod verkörpert. Sein letzter großer Auftritt steht unmittelbar bevor.

„Bukarests Hunde“ beginnt mit einem ausgelassenen Gelächter. Wer aber vermutet, es handele sich bei dieser Geschichte um eine Komödie, liegt falsch: Zwar lässt sich der Freund des Protagonisten ab und an zu einer humoristischen Handlung hinreißen, jedoch ist die Stimmung dieser Erzählung bedrückt. Ein Fotograf, der sich anscheinend in einer mittelschweren Lebenskrise befindet, unternimmt eine Reise nach Rumänien. Die Hässlichkeit der Stadt Bukarest ist für den Fotografen auf seltsame Weise belastend: „Man müsste die Stadt in Flutlicht tauchen. Ihre Geschwüre, ihre Wunden und ihre Schönheit aus dem Dunkel herausreißen“. Als er jedoch seine ersten Fotos machen will, um die besagte Schönheit der Stadt darstellen zu können, wird er von einem Straßenhund gebissen. Was dann passiert hat mit der eigentlich Reise nicht mehr viel zu tun, sondern wird zu einer Expedition ins eigene Ich.

Die zweite CD beginnt mit der irrealen Geschichte „Becasso“, in der ein Maler in einem Traum den großen Meistern Picasso und Beuys begegnet. Bei Brot und Wein unterhält man sich über fachspezifische Themen. Welcher Künstler würde nicht gerne mal ein paar Tipps von den großen Meistern der Kunst einholen? Der scheinbare Segen wird allerdings alsbald zum Fluch und sein Traum erfährt ein jähes Ende. Aber war das alles wirklich nur ein Traum? Als letztes bekommt man das, meiner Meinung nach, stärkste Stück von Cornelia Becker, namens „Qui Quetzal“ zu hören. Eine Geschichte, die den Hörer an die Abgründe der menschlichen Psyche heranführt, bei der man ständig Gefahr läuft, abzustürzen. „Qui Quetzal“ würde sich aufgrund der bizarren Thematik und den authentischen Charakteren auch sehr gut als Filmvorlage eignen. Es geht um einen bemitleidenswerten Jungen von dreizehn Jahren, der seine Ferien in Südfrankreich mit seinem „fremden“ Onkel, seiner Frau und dem „kleinen Ekel“ verbringt. Rimbaud, der tragische Held, hat eigentlich niemanden, dem er sich öffnen kann. In seiner Einsamkeit bildet er sich einen „Freund“ ein, den aztekischen Gott des Windes „Quetzal“. Er berät und unterhält den Jungen. Nachdem Rimbaud kurzweilig Vertrauen zu der Frau seines Onkels aufgebaut hat, die eine Künstlerin ist, wächst in ihm jedoch der Zorn. Grund für seine unbändige Wut ist der Sohn seines Onkels und seiner Tante, den Rimbaud nur das „kleine Ekel“ nennt. „Quetzal“, beginnt nach und nach damit, dem Jungen Befehle zu erteilen. Das Unglück nimmt seinen Lauf…

Die Musik des Hörbuchs gefällt auf Anhieb, gerade das erste Stück von Ahmed Chouraqui ist schön verträumt und stimmt den Hörer gut auf die erste Geschichte ein. Schade ist allerdings, wie die Musik im Weiteren eingesetzt wird. Manchmal hakt sie einzelne Handlungsstränge auseinander, wenn es besser gewesen wäre, keine musikalische Unterbrechungen zu verwenden. Ein anderes Mal wird fröhliche Musik eingespielt, nachdem man gerade etwas trauriges oder schockierendes gehört hat. (So wird z.B. in Track 12 am Ende stimmungsvolle Samba Musik gespielt, nachdem in der Geschichte „Bukarests Hunde“ der Fotograf gerade von dem Hund gebissen wurde und vor Schmerz schreit. Dadurch wird die aufgebaute Dramatik zerstört und die Schmerzen des Protagonisten werden parodiert.) Hier gilt das oft zitierte Gebot: weniger ist manchmal mehr!

Fazit: Ein gelungenes Hörerlebnis für Freunde von anspruchsvoller Literatur, die gleicher Maßen verzaubert und irritiert.

Geschichte: *****

Charaktere: *****

Musik: *****

Spannung: *****

Sprecher: *****

Aufnahmequalität: *****

PH

Weitere Informationen und Preisvergleich von MagentaRot von Cornelia Becker

Wir danken dem Wolpertinger Hörbücher Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplares.



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